Tschinku im Gastland von Constant Kpao Sarè

Meine Heimat - deine Heimat

Book Cover: Tschinku im Gastland von Constant Kpao Sarè
Editions:Paperback: € 14,99
Pages: 210

Kann ein zugewanderter Afrikaner Deutschland seine Heimat nennen?

 

Tschinku und Barka, zwei ehemalige Schulfreunde aus Afrika, haben in Deutschland studiert. Tschinku bleibt in Deutschland und gründet eine Familie. Barka kehrt zurück nach Afrika, gründet auch eine Familie und wird später Minister. Während einer Dienstreise in Deutschland begegnet Barka seinem ehemaligen Freund. Daraus entstehen zuerst ein fruchtbarer Gedankenaustausch und später ein Briefwechsel über Fragen wie Heimat.

Der eine fühlt sich in Deutschland beheimatet, der andere in Afrika. Daraus entstehen intensive und spannende Diskussionen über die Probleme der Weltpolitik, wobei jeder versucht die soziale Lage des anderen Wohnortes aus seiner eigenen Perspektive zu beurteilen. Besprochen werden Themen wie Ausländerfeindlichkeit, Individualismus oder Solidarität in der Gesellschaft, Terrorismus, Gewalt, Armut, Perspektivlosigkeit usw.

Das Buch plädiert dafür, das Wort „Heimat“ neu zu kodifizieren. Zuhause ist man da, wo man sich wohl fühlt.

 

Der Autor über sein Werk:

"Ich glaube, dass die Leser (nicht nur Menschen mit Migrationshintergrund) auch verstehen wollen, warum die Welt immer bunter wird. Bis zum Ende der Erzählung versucht der Leser, in der Argumentation der Hauptfigur Tschinku herauszufinden, ob und warum er sich für seine neue Heimat entscheidet. Gleichzeitig erfährt er einiges über die afrikanischen Realitäten."

 

Schau dir die Pressemitteilung zu "Tschinku im Gastland"an.

 

Über den Autor:

Constant Kpao Sarè

Geboren 1974 in Djougou (Bénin), Maître de Conférences am Département d’Etudes Germaniques (DEG) an der Université d’Abomey-Calavi in Benin (UAC). Studium der deutschen Literatur und Sprache an der Université Nationale du Bénin, Universität des Saarlandes (Deutschland) und Université Paul-Verlaine de Metz (Frankreich), sowie der Verwaltungswissenschaften an der deutschen Hochschule für Verwaltungswissenschaften Speyer. Promotion in Germanistik (2006). Seine Forschungen widmen sich u.a. der Postkolonialen Erinnerungskultur in der zeitgenössischen deutschsprachigen Afrika-Literatur, wozu er auch zahlreich publiziert.

 

 

 

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Excerpt:

Es gibt mindestens zwei Personen, denen das Wort nicht genommen werden kann, zwei Personen, mit denen nicht diskutiert werden darf, zwei Personen, die man nicht zu bekehren versuchen sollte, zwei Personen, denen nicht widersprochen werden darf. Es gibt im Leben mehr als zwei Arten von Menschen, denen man zuerst nur aufmerksam zuhören müsste, bis sie alles gesagt haben, bis sie den Mund zugemacht haben, bis sie einen nach etwas fragen und bis sie schweigen und einen ansehen und demutsvoll beobachten, als ob sie von einem das „nicht schuldig“ des Richters oder ein „mein Sohn, deine Schuld wird dir vergeben“ des Priesters erwarten.

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Es gibt den Verräter, der unter allen Umständen kurzen Prozess macht, den schuldbewussten, reumütigen Brandstifter, der sich endlich entscheidet, hemmungslos zu reden. Der Übeltäter, der über alles sprechen will, über die kaum denkbare, erbarmungslose, barbarische, grausame und brisante Wahrheit, über die härteren Maßnahmen, durch welche er die Weltordnung gemein zerstört hatte, über die Brutalität, mit der er unschuldige Menschen rücksichtslos und hartherzig gefoltert hatte, über getötete Kinder, Frauen und Schwerbehinderte, über ruinierte Leben - von dieser Person wird gewiss nicht die Rede sein in der nachkommenden Erzählung.

Es gibt den durch soziale Ungerechtigkeit erbitterten Menschen, den Menschen, der eine unsinnige und absurde Realität jahrzehntelang kraftlos, machtlos und wehrlos erlebt hatte. Den Menschen, der sein eigenes Leben allmählich und graduell in eine labyrinthische, verwirrende, dunkle und geheimnisvolle verdammte Höhle herunterstürzen sah, ohne reagieren zu können, ohne es zu wagen, irgendetwas zu unternehmen.

Ich begegnete ihm kurz vor seinem fünfundvierzigsten Geburtstag während meines einwöchigen Aufenthaltes in Saarbrücken, wo ich weit weg von meinem alltäglichen vorschriftsmäßigen Leben versuchen wollte, mich wieder in die Stimmung und Umgebung der damaligen Studienzeit zu vertiefen. Er sah wie ein sechzigjähriger, mitteloser und familienloser Bauer aus, der seinen letzten Hund aus Mangel an Futter sterben sah: arm, hoffnungslos und jämmerlich gekleidet, mit einer Zigarettenschachtel als Jonglierspielzeug. Der offensichtlich arme Mann stand plötzlich vor mir, nachdem er seine altmodische dunkle Sonnenbrille von den Augen genommen hatte, damit er seinen eigenen Augen trauen konnte.

Als ich ihn sah, versuchte ich, ihm auszuweichen. Der Mann kam mir aber artig und freundlich entgegen, mit einem familiären Lächeln, welches nur einer bekannten Person angeboten werden kann. Ich bemühte mich darum, sein kodifiziertes und fast provozierendes Grinsen nicht wahrzunehmen, besser gesagt, mich vor dieser ungünstigen und lästigen Erscheinung und deren jämmerlichen Aufführung zu schämen: ich hatte ihn nicht erkannt. Ich glaubte, ich hatte es mit einem Bettler zu tun und sagte mir ganz leise: „On aura tout vu!“. Es wäre in der Tat das erste Mal für mich, mit eigenen Augen einen schwarzen Straßenbettler in Deutschland zu sehen. Abgesehen davon, dass er keinen beängstigenden, hässlichen und schmutzigen Hund dabei hatte, sah er wie einer der Obdachlosen aus, die zu jener Zeit vor dem Saarbrücker Rathaus zu sehen waren.

Eigentlich fühlte ich mich weder unwohl, weil der Mann wie ein Almosenempfänger aussah, noch weil ich auch schwarz bin, sondern vielmehr, weil ich ein schwarzer Minister war. Ich hatte sozusagen Gewissensbisse und fragte mich, was die Deutschen glauben würden: Noch einer der vielen hungernden Menschen, die in Afrika nichts zu essen bekommen und zu uns zum Betteln kommen. Aber ich verstand nicht, wieso ich dieses Schuldgefühl und dieses schlechte Gewissen hatte. Schließlich wusste ich gar nicht, aus welchem Land der Mann kam.

Je intensiver ich mich allerdings mit dieser Idee auseinandersetzte, desto unwohler fühlte ich mich. Blitzartig bekam ich ein Stück Klarheit in den entwürdigenden Gedanken, in den Schattenvorhang vor Augen. Eine mir nicht unbekannte Stimme, die ich dennoch nicht identifizieren konnte, flüsterte mir leise immer wieder in die Ohren: „Sie, Verbrecher! Sie, unverschämter Ausbeuter! Dies ist das Ergebnis Ihrer geschmacklosen Inkompetenz, Ihres Mangels an Patriotismus und Ihrer dreisten und frechen Machtgier! Das ist noch eines der Opfer Ihrer schlechten Politik!“.

Diese Worte landeten direkt in meinem Gedächtnis wie ein Elektroschock. Nach einer kurzen Weile konnte ich wieder klarsehen. Der Nebel war nicht mehr da. Die Gedächtnisverwirrung und die fremde Stimme waren auch verschwunden. Nun konnte ich sie erkennen. Es war die Stimme von Dossou, einem unserer strengsten und unsympathischsten Gewerkschafter. Seine Worte waren nicht mehr zu hören, aber das Gefühl meiner eigenen Nutzlosigkeit war geblieben.

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Über den Verlag:

indayi edition ist ein aufstrebender, kleiner, bunter, außergewöhnlicher Start-up-Verlag in Darmstadt, der erste deutschsprachige Verlag, der von einem afrikanischen Migranten in Deutschland gegründet wurde. Hier wird alles veröffentlicht, was Menschen betrifft, berührt und bewegt, unabhängig von kulturellem Hintergrund und Herkunft. Indayi edition veröffentlicht Bücher über Werte und über Themen, die die Gesellschaft nicht gerne anspricht und am liebsten unter den Teppich kehrt, unter denen aber Millionen von Menschen leiden. Bücher, die bei indayi erscheinen, haben das Ziel, etwas zu erklären, zu verändern und zu verbessern – seien es Ratgeber, Sachbücher, Romane oder Kinderbücher. Das Angebot ist vielfältig: von Liebesromanen, Ratgebern zu den Themen Erotik, Liebe, Erziehung, Gesundheit, Krebs und Ernährung, spannenden Thrillern und Krimis, psychologischen Selbsthilfebüchern, Büchern über Politik, Kultur, Gesellschaft und Geschichte, Kochbüchern bis hin zu Kinder- und Jugendbüchern

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