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Ohne Gewalt, ohne Beweise, ohne Erinnerung, aber mit traumatischen Folgen – Sexueller Missbrauch

Jedes dritte Kind erfährt mindestens eine Form von Misshandlung

Jede dritte Frau bis fünfte Frau und jeder sechste bis zehnte Mann wurde in der Kindheit direkt oder subtil sexuell missbraucht. In manchen Befragungen wird sogar von über 50% aller Frauen und über 20% der Männer gesprochen, die betroffen sind. Im ersten Moment klingt all das abenteuerlich und verschwörerisch. Aber viele wissen nicht, dass über 60% der Opfer von sexueller Gewalt in der Kindheit eine zeitlich begrenzte oder völlige traumatische Amnesie (Gedächtnisverlust) erleiden und sich somit an nichts erinnern können.

So erinnert sich die große Mehrheit der Opfer nicht mehr, dass sie sexuell missbraucht wurde. Noch weniger erinnern sie sich, dass die Haupttäter und -täterinnen ihre eigenen Eltern waren, und dass alles im Namen der Liebe geschehen ist.

Keine andere Krankheit, kein anderes Verbrechen, kein anderes Phänomen
betrifft so viele
Menschen wie der sexuelle Missbrauch in der Kindheit.

Verschiedene Erziehungsphilosophien – Grenzen der körperlichen Nähe

Die moderne Erziehung erhöht die Gefahr der körperlichen Grenzverletzungen und Überschreitungen. Es gab immer Körperkontakt zwischen Eltern und Kindern, besonders zwischen Mutter und Kind. Dieser Kontakt war orientiert an Grundbedürfnissen: Kinder baden und einölen, Kinder massieren, streicheln, Kinder fest an sich drücken. Je älter das Kind wurde, desto seltener wurden solche Handlungen. Aber heute geht dieser Körperkontakt immer tiefer und findet verstärkt auch mit älteren Kindern statt.

Ich habe manchmal den Eindruck, dass diese Erziehungsphilosophie entdeckt und verbreitet wurde, um den Bedürfnissen der Erwachsenen gerecht zu werden, nach dem Motto: Was mit anderen Erwachsenen schön ist, muss auch mit Kindern schön sein. Die verbreitete Begründung, dass sei ein sehr intensiver, körpernaher Erziehungsstil, der zwar über die Grundbedürfnisse hinausgeht, den Kindern aber sehr guttun würde, ist zu bezweifeln. Wenn ich Kinder in Afrika und in Europa vergleiche, sehe ich in keinem zentralen Bereich wie Gefühl, Seele, Körper, Persönlichkeit, dass die Kinder in Deutschland stabiler, zufriedener oder glücklicher sind.

Im Gegenteil: ich sehe afrikanische Kinder als viel entspannter, offener im Körperkontakt, im Kontakt mit sich und anderen Menschen. Ich sehe Menschen in Europa, die viel mehr Probleme mit ihrem Körper und ihrem Aussehen haben, die scheu und zurückhaltend sind, gerade in Situationen, in denen es um Körperkontakt geht.

Kindliche Bedürfnisse, schleichender Übergang zu sexuellem Missbrauch und Verantwortung des Erwachsenen

Da sich Kinder mit ihrem Bedürfnis nach sinnlichem Erleben auch an Erwachsene richten, ist es unverzichtbar, dass Erwachsene dabei deutlich die Grenzen wahren und kindliche Bedürfnisse nicht für die eigene sexuelle Erregung ausnutzen. Wo nicht das Wohl des Kindes, sondern die sexuellen Bedürfnisse des Erwachsenen im Mittelpunkt stehen, ist die Grenze zu sexuellem Missbrauch überschritten. Sexueller Missbrauch beginnt, wo körperlicher Kontakt zu einem Kind gesucht oder fortgesetzt wird, weil oder obwohl der Erwachsene dadurch sexuell erregt wird.

Jeder weiß selbst am besten, ob das der Fall ist. Deshalb kann es keinen sexuellen Missbrauch aus Versehen geben. Die Einschätzung der eigenen Erregung kann nur der Erwachsene treffen. Sie dem Kind zu überlassen, hieße, die eigene Verantwortung auf das Kind abzuwälzen. Deshalb kann niemand sein Verhalten entschuldigen mit dem Hinweis, das Kind hätte es so gewollt.

Kinder kennen keinen Unterschied zwischen Zärtlichkeit, Sinnlichkeit genitaler Sexualität und sexueller Lust.
Sie empfinden alles als schön. Der Erwachsene aber kann das unterscheiden und ist somit dem Kind überlegen.
Die Überschreitung dieser Grenze ist ein Missbrauch.

Traumatische Amnesie nach sexuellem Missbrauch in der Kindheit versteckt das wahre Ausmaß des Verbrechens

Wenn Studien und Untersuchungen belegen, dass über 60% der Opfer sexueller Gewalt in der Kindheit eine zeitlich begrenzte oder völlige traumatische Amnesie erleiden, kann man sich vorstellen, wie viele Menschen heute sexuell missbraucht wurden, es aber nicht mehr wissen oder nicht ahnen.

Sie leiden an Essstörungen, Schlafstörungen, Depression, Selbsthass, Minderwertigkeitskomplexen, ständigen Schmerzen im Bauch und Unterleib, Migräne, Kopfschmerzen, sind ständig unglücklich, und haben Ängste. Außerdem sind sie immer unter Druck und Stress und auch zahlreiche Therapien ändern nichts an der Situation. Des Weiteren machen sie ihren Job, den Partner, die Freunde, die Kinder oder die täglichen Herausforderungen dafür verantwortlich, dass es ihnen so schlecht geht. Sie geben sich selbst die Schuld, dass sie leiden, sie fühlen sich unfähig und hassen sich dafür, weil sie es trotz aller Anstrengungen nicht schaffen und immer versagen.

All das, weil der Kopf keine Verbindung mehr zur realen Quelle ihres Leidens schafft, nämlich zum Missbrauch in der Kindheit. Die sexuelle Gewalt ist Hauptquelle der traumatischen Amnesie.

Verdrängung, Vergessen, Geheimhaltung und Scham als Reaktion

Viele Kinder, die missbraucht werden oder wurden schämen sich dafür und fühlen sich oft schuldig. Sie denken, wenn es so passiert ist, dann wollten sie es wohl. Oft hören sie von den Tätern, während der Tat, dass sie es doch auch wollen und dass es ihnen gefallen würde. Sie schämen sich und fühlen sich schuldig, weil sie oft selbst die Nähe der Täter gesucht haben. Sie wissen nicht, dass die Täter diese Nähe nur ausgenutzt haben, dass ihre kindliche Suche nach Nähe keine sexuelle Aufforderung war, wie ihnen suggeriert wird.

Beim Missbrauch innerhalb der Familie sind die Scham und der Verdrängungsdrang am größten, um den Zusammenhalt der Familie nicht zu zerstören. Schließlich möchte man nicht derjenige sein, der die ganze Verantwortung dafür trägt, dass ein Elternteil ins Gefängnis kommt oder der Name der Familie beschmutzt wird.

Viele Opfer sexuellen Missbrauchs werden vom Täter auch durch Drohung mit schlimmen Konsequenzen zur Geheimhaltung gezwungen. Die meisten reden gar nicht von der Schande. Nicht nur, weil sie sich schämen, sondern auch weil sie fest davon überzeugt sind, dass ihnen niemand glauben wird. Sie befürchten am Ende als der Böse dazustehen, derjenige der die Geschichte nur erfunden hat, um Menschen zu schaden.

„Ich habe mit noch niemandem darüber gesprochen, weil ich mich allein für diese Gedanken schäme.
Ich denke mir immer wieder: Wenn es so war, dann muss ich es doch eindeutig wissen und mich daran erinnern können.“

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