P-Stadtkultur Darmstadt: Dantse Dantse aus Kamerun: „Die Europäer erwarten, dass wir uns aufgeben.“

Kulturelle Vielfalt gehört zu Darmstadt wie der Jugendstil und DJ Kai in der Kronedisko. Laut Bevölkerungsstatistik 2019 haben 21,1 Prozent der in Darmstadt lebenden Menschen eine nicht deutsche Nationalität. Das P möchte wissen, wie Menschen, die aus unterschiedlichen Gründen nach Darmstadt gefunden haben, diese Stadt erleben. Also reden wir über Integration in Darmstadt – mit den Expert:innen für diese Thematik. Mit denjenigen, die schon lange ihr Leben „hier im Ausland“ navigieren.

Dantse im Interview mit dem P-Stadtkultur Magazin
Dantse im Interview mit dem P-Stadtkultur Magazin

Folge 6: Dantse Dantse aus Kamerun

Wie eine Person hier ankommt, welche Möglichkeiten sie hat, sich einzubringen, hängt von vielen Faktoren ab, die außerhalb ihrer Kontrolle liegen. Der heutige Umgang mit Migration in Deutschland muss zusammen mit der Kontinuität kolonialer Geschichte betrachtet werden, um ihn zu verstehen. Das verstehen am besten diejenigen, die aus Ländern stammen, die mit den Folgen des Kolonialismus bis heute umgehen.

Dantse Dantse ist erfolgreicher Autor (Verfasser von mehr als 120 Büchern in deutscher Sprache), Coach und Gründer des fairen Verlags Indayi Edition, er stammt aus Kamerun und hat mittlerweile fast drei Jahrzehnte Darmstädter Geschichte miterlebt. Wir sitzen auf der Couch in seiner geräumigen Darmstädter Wohnung und unterhalten uns über ziemlich heftige Themen. Aber Dantse hat eine angenehme Erzählstimme und er lacht viel, sodass man ihm gerne zuhört. Wir sprechen in unserer gemeinsamen Fremdsprache, Deutsch, über die Realität kolonialen Erbes, über sein Leben in Deutschland – und darüber, dass Antirassismus viel weiter gehen muss als Symbolpolitik.

Dantse, wie steht’s bei Dir mit der Integration?

Ein deutscher Journalist sagte mir mal halb im Spaß: „Dantse, Du bist zu integriert – so weit wollen wir dann doch nicht gehen.“ Was aber für mich schon stimmt: Oft tut die Öffentlichkeit so, als ob sie offen wäre, aber wenn sie sehen, dass du viel machst – und ich bin unkontrollierbar, ich habe meine Meinung – dann bist du nicht mehr der Ausländer, den man will. Das ist die Realität, auch in Darmstadt. Es ist schwer, aber es ist machbar. Ich lebe von meinen Büchern, ich habe eine Firma, ich beschäftige Menschen. Ich mache etwas Einzigartiges, aber ich spüre, dass es viele Deutsche stört.

Aus Deiner Sicht herrscht also eine Definition von Integration vor, die fordert, dass Ausländer:innen sich hier anpassen, ohne dass die Gesellschaft ihnen entgegenkommt?

Absolut. Die Europäer erwarten von Migrant:innen nicht nur Anpassung, sie erwarten nicht nur Integration – sie erwarten, dass wir uns aufgeben. Sie erwarten, dass wir alles, was unsere Kultur ausmacht, weglassen und nur das, was europäisch ist, übernehmen. Das ist Kolonialismus! Wenn du zum Beispiel als Europäer in Kamerun lebst, wirst du anders aufgenommen. Uns wurde beigebracht: „Der Fremde ist König. Wenn er kommt, gibst du ihm dein Bett und schläfst auf dem Boden.“ Wenn man eine Party macht, dann klopft man an seine Tür und sagt: „Hey Fremder, komm‘ doch vorbei!“ So was siehst du hier in Deutschland nicht.

Warum ist das Deiner Meinung nach so?

Die Europäer haben zu viel Angst vor dem Unbekannten. Die Europäer sind nicht selbstbewusst genug. Sie haben Glück gehabt, auch durch Ausplünderung anderer Völker sehr reich geworden zu sein und Wohlstand zu haben, den sie nicht nur durch ehrliche Leistung verdienen. Und sie denken deswegen, dass sie stark sind. Aber im täglichen Kontakt mit Menschen siehst du Leute, die so zerbrechlich sind, die mit so viel Angst leben. Darum dieses unsichere Verhalten gegenüber Fremden. Auch mein Anfang hier in Deutschland war sehr schwierig.

Du bist vor fast dreißig Jahren aus Kamerun nach Darmstadt gekommen – wie alt bist Du eigentlich?

[Lacht.] Weißt Du, in Afrika ist es total unhöflich, diese Frage zu stellen …

Oh, nein!

Deswegen bleibe ich afrikanisch und sage es Dir nicht. Aber Du kannst Dir vorstellen, wie es vor dreißig Jahren für uns hier war. Damals erlebten wir manchmal Situationen, die man mit Apartheid gleichstellen könnte: Verlassen des Straßenbahn-Abteils, wenn Schwarze reinkommen, Wechseln der Straßenseite, um dem „Schwarzen Mann“ nicht zu begegnen, bestimmte Diskos, Cafés und Geschäfte lehnten uns ab oder bedienten uns nicht. Heute ist es dagegen ein Paradies. Ich kann mich an einem Abend im Studentenwohnheim erinnern. Da saßen wir zusammen und redeten über Rassismus. Wir sagten: „Die Weißen haben uns doch über Menschenrechte und Humanismus gelehrt. Aber wir kommen hierher und sie machen das Gegenteil!“ Und einer, der aus dem Kongo kommt, erzählte: „Bei uns sagt man, wer dem Fremden seine Tür zumacht, hat Angst.“ Und alle anderen bestätigten: „Bei uns auch!“ Mein Vater sagte immer: „Wer stark ist, öffnet seine Tür. Wer schwach ist, macht seine Tür zu.“ Da erkannten wir: Die haben doch Angst vor uns! Diese Erkenntnis machte uns stark. Das war unsere Rettung.

Aber es gibt auch viele Menschen in Deutschland, die versuchen, durch antirassistische Aktionen Zeichen zu setzen …

Das Problem ist: Rassismus ist eine Institution, er ist eine Kultur und ein Geschäft. Davon profitieren nur die Weißen, auch wenn sie so tun, als würden sie dagegen kämpfen. Das bringt nicht viel. Wenn die Leute auf die Straße gehen und sagen „Wir kämpfen gegen Rassismus!“, weil ein Schwarzer in Amerika von der Polizei umgebracht wurde, kommen alle. Aber wenn ich den gleichen Weißen sage: „Lass uns dagegen protestieren, dass Schwarze keine Wohnung finden können!“, dann kommt niemand. All diese Proteste nenne ich folkloristisch. Das hilft dir, ein gutes Gewissen zu haben. Aber mir hilft das überhaupt nicht.

Okay, was kann jede:r Einzelne dann tun, um sich klar und nachhaltig antirassistisch zu positionieren?

Sehr gute Frage. Der Rassismus, so wie er aktuell definiert wird, kann gar nicht verschwinden. Das ist unmöglich. Er ist ein Teil des Europäers. Er ist ein Teil seiner Vision, seiner Kultur, seines Geldes. Und er ist ein wesentlicher Teil seiner Denkweise. Das europäische Weltbild, so wie es jetzt ist, kommt von der Aufklärung. Um Afrika kolonisieren zu können, haben die Urväter der Menschenrechte eine Lehre erfunden, um zu erklären, dass die Menschen, die sie als „schwarz“ definiert haben – die Hautfarbe wurde wirklich erfunden –, keine echten Menschen sind. All diese Denker, die sich Humanisten nannten, haben Verbrechen begangen.

Man müsste also unsere komplette Weltanschauung dekonstruieren?

Ja … und das können die Europäer nicht. Wenn wir Rassismus bekämpfen wollen, müssen wir ein Fach „Rassismus“ in der Schule einführen. Wenn wir Rassismus wirklich verstehen wollen, müssen wir erklären, wie er entstanden ist. Und dann müssen wir zu seinen Wurzeln gehen und die Namen von all diesen großen weißen Denkern der Aufklärung – den Menschenrechtlern – entlarven: Voltaire, Rousseau, Hegel, Kant. Zu Deiner Frage, was die Weißen tun können, appelliere ich, die Geschichte zusammen neu zu schreiben, die Wahrheit zu schreiben. Es fängt damit an, die Realität, was die Afrikaner erlebt haben, anzuerkennen. Man kann diese Ungerechtigkeiten nicht einfach stehen lassen. Die Brutalität der Kolonialisten ist unglaublich, du willst es gar nicht hören. Und viele wissen es nicht. Aktuell ist die Bekämpfung von Rassismus wirklich oberflächlich. Der wahre Rassismus lebt neben uns und geht weiter.

Man kann sich demnach nicht einfach dazu entscheiden, kein Rassist zu sein? Weil Rassismus kein persönliches Vergehen ist, auf das man verzichten könnte.

Ich freue mich, dass Du das genauso verstehst. Kein Deutscher kann sich heute hinstellen und sagen: „Ich bin Antirassist. Rassismus ist nicht meine Sache.“ Du lebst von Rassismus! Es ist schon rassistisch, so zu tun, als wäre dir Rassismus gar nicht bewusst. Der schlimmste Rassismus ist nicht der offene, sondern der subtile. Der ist so schwer zu bekämpfen. Du musst sehr wachsam sein – und wenn du was sagst, dann sagen die Leute: „Ach, Du bist zu empfindlich.“ Rassismus zu bekämpfen, wird immer schwieriger.

Siehst Du, dass eine Entwicklung möglich ist? Dass wir diese strukturelle Denkweise abbauen können?

Ja, wenn Europa ein neues Zeitalter angeht, und diese alten Denkweisen vom 18. und 19. Jahrhundert hinter sich lässt. Es wird passieren, wenn Europa runtergeht, ich meine: wirtschaftlich und alles. Dann kommt eine neue Philosophie, dann kommen neue Arten zu denken. Wenn es so bleibt, wie es ist, dann glaube ich nicht, dass sich etwas ändern kann. Weil die Europäer davon leben. Wie kannst du den Ast abschneiden, auf dem du sitzt? Sie werden das nicht tun. Oder aber die Schwarzen finden einen Nutzen des Rassismus und wandeln ihn zu ihrem Vorteil um. Wie das gehen könnte, das zeige ich in meinem Buch über Rassismus, das 2023 veröffentlicht wird.

Dantse, vielen Dank für die offenen, ehrlichen Worte, die zum Nachdenken anregen.

Geschichten von der Flucht als Anthologie

Dantse Dantse ist Leiter des unabhängigen Verlags Indayi Edition und lebt seit fast 30 Jahren in Darmstadt. Er setzt sich mit seinem Verlag für das Hervorbringen häufig marginalisierter Perspektiven ein. Durch Lektorat und Übersetzungsangebote erlaubt Indayi Edition Nicht-Muttersprachler:innen, die auf dem deutschen Büchermarkt häufig Schwierigkeiten haben, ihre Bücher und Geschichten in deutscher Sprache zu veröffentlichen. Aktuell sammelt der Verlag Beiträge für einen Sammelband mit Erfahrungsberichten geflüchteter Menschen in Darmstadt. Jede:r, der etwas zu erzählen hat, ist dazu eingeladen, ihre oder seine Erfahrungen von der Flucht als Kurzgeschichte aufzuschreiben (oder alternativ ein Gespräch oder Interview mit einem Verlagsmitarbeitenden zu führen, der/die die Geschichte dann zu Papier bringt). Diese Geschichten werden gesammelt und sollen als Anthologie veröffentlicht werden. Weitere Infos online unter indayi.de/fluechtlinge-helfen-fluechtlingen.

Darmstadts kulturelle Vielfalt in Gesprächen

Manchmal hat man an einem Ort direkt das Gefühl, dass man willkommen ist. So war es für mich, als ich 2010 aus Kanada für ein Auslandssemester nach Darmstadt kam. Aus diesem einen Semester ist ein Studium geworden – und mittlerweile ist Darmstadt mein Zuhause. Als Ausländerin will ich mich in meiner Stadt zugehörig fühlen, unabhängig davon, wo ich herkomme oder wie lange ich vielleicht bleiben werde. Als Leiterin von Integrationskursen frage ich mich, was es eigentlich heißt, integriert zu sein. Integration ist schließlich kein Ziel, das erreicht werden kann, sondern vielmehr ein Prozess – ein Prozess in Richtung einer vielfältigeren, multikulturellen Gesellschaft.

Autor Dantse Dantse

Über den Autor und Verleger

Dantse Dantse: Der aus Kamerun stammende Experte für Ernährung, menschliche Verhaltens- und Persönlichkeitsentwicklung, mehrfacher Bestsellerautor mit über 120 Büchern (Ratgeber, Sachbücher zu den Themen Gesundheit, Psychologie, Kindererziehung und Romane). Er ist auch Verleger, Gründer sowie sehr erfolgreicher Lebens- und Gesundheitscoach. Er arbeitet und lebt in Darmstadt. Die Bücher von Dantse Dantse verändern das Leben tausender Menschen: Sie sollen helfen, den Horizont zu erweitern, die Welt ein Stück zu verbessern und Afrika zu ehren. Mit seiner innovativen und unnachahmlichen afrikanisch inspirierten Wissens- und Lebenslehre „DantseLogik“, www.dantse-logik.com. Diese machte ihn zu einem begehrten und gefragten Erfolgscoach und er hilft Menschen. So können sie ihre Ziele erreichen und nachhaltig ganzheitlich erfolgreich und glücklich sein. Auch können sie Krankheiten bekämpfen ohne Medikamente.

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