Roulette Khmer von Carl Isangard

Tanz der langen Stunden einer kambodschanischen Rachegöttin inmitten eines makabren Kammerspiels

Cover Roulette Khmer von Carl Isangard
Editions:Paperback (Englisch): € 18,99 EUR
ISBN: 9783947003464
Pages: 400

Roulette Khmer

 

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Die Sequenz im Prolog dokumentiert die steinzeitkommunistische Hölle der Roten Khmer in einem Dorflager und wie die kleine Shanra ein böses Erwachen erlebt,

 

nachdem man ihre Eltern wie Schlachtvieh in einen Lastwagen gepfercht hat, um sie in eines der zahlreichen grauenvollen Arbeitslager zu verschleppen.

 

Es ist eine Deportation ohne Wiederkehr.

 

Der erste Teil beschreibt in verschiedenen ineinander verknüpften Episoden die gegenwärtige Lebenssituation der inzwischen erwachsenen Shanra, die als Prostituierte in den Bars von Phnom Penh anschafft sowie die folgenschweren Begegnungen zwischen drei aus unterschiedlichen Gesellschaftsschichten stammenden westlichen Sextouristen, Halunken, parasitären Menschenrechtlern.

Diese äußerst lästigen Ausländer empfinden nicht nur Verachtung und Feindseligkeit gegeneinander, sondern auch
gegenüber der einheimischen Bevölkerung, deren Kultur, vor allem gegenüber den Frauen Kambodschas.

 

Der zweite Teil erzählt ausführlich über den beruflichen Werdegang des Ex-UNTAC Blauhelmsoldaten und Brokers Victor, beleuchtet seine dunkle Vergangenheit, schildert anschließend das tragische Ereignis von Shanras erstem Besuch im Tuol Sleng Museum, wo sie eine entsetzliche Entdeckung macht

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im Zusammenhang mit der früheren Schreckensherrschaft der Khmer Rouge.

 

Außerdem bietet eines der Kapitel vielschichtige, intime Einblicke in ihre Biografie; wie sie sich zum Beispiel mittels intensiven Selbststudiums zu einer gebildeten Frau entwickelt hat.

Die "blauen Khmer" symbolisieren für Shanra die roten Terrorbrigaden und zugleich die zu Anfang der 1990er Jahre in Kambodscha stationierten Blauhelmsoldaten, die ihre Heimat mit Aids verseuchten.

 

 

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Diese Stichworte gehören zum Buch: Koreakrieg, Rote Khmer, Genozid, Angkor, Phnom Penh, Killing Fields, Schreckensherrschaft, Thailand, Khmer Rouge, postkolonialismus, Vietnamkrieg, Südostasien, Prostitution
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Excerpt:

Prolog: 15. Juni 1977
Demokratisches Kampuchea –
Ein kleines Dorf mitten in der Provinz Prey Weng

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Im düsteren Morgengrauen, beim Anbruch dieses schicksalhaften Tages kommen sie wieder ins Dorf ... Das heisere, aufgeregte Bellen der beiden streunenden, dürren Hunde, sowie das stetig lauter werdende Brummen des heranrollenden Lastwagens hat den Hunderten von Dorfbewohnern ihre Ankunft bereits angekündigt:
Zehn junge Männer, die aus dem mittlerweile angekommenen Laster steigen; mit schlanken, drahtigen Körpern, gekleidet in schwarze Hosen, langärmelige Oberteile, rot-weiß-karierte Kramas und mit grünen Mao Mützen auf den Häuptern. Sie tragen lange Gewehre in ihren Armen. Ihre Gesichter sind dunkelhäutig, ihre Mienen finster wie die Nacht. Das Gebell der beiden Hunde ist inzwischen verklungen. Die Tiere geben nun keinen Laut mehr von sich, ziehen sich mit eingezogenen Schwänzen zurück, als scheinen sie es bereits zu ahnen, wie alle Anwesenden im Dorf.
Die heutige Ankunft der Soldaten in diesem Lager des kleinen Dorfes von der Provinz Prey Weng verkündet, wie jedes Mal, Unheil. Die Soldaten der Roten Khmer marschieren wortlos, mit starren, grimmigen Blicken zwischen Dutzende von Hütten. Ihre aus Autorreifen hergestellten schwarzen Sandalen bahnen sich quietschend den Weg durch den braunen, aufgewühlten Schlamm.
Die hinterlassenen Spuren der Sandalen werden bald wieder weggespült, spätestens vom nächsten Regenfall. Doch die Spuren, welche das Regime von Pol Pot im ganzen Land hinterlässt, vermag kein Regen wegzuspülen. Spuren, die in die Annalen der kambodschanischen Geschichte eingehen werden, als eines der dunkelsten und grausamsten Kapitel der gesamten südostasiatischen Welt.
Es hat die ganze letzte Nacht geregnet. Es herrscht Monsunzeit im Demokratischen Kampuchea.
Die Vegetation des von Verdunstungsschwaden durchzogenen Dschungels, der die hiesige Landschaft umgibt, ist grün und üppig. Das Dasein der hier lebenden Dorfbewohner dagegen ist erfüllt von Schinderei, Trauer, Leid, Hunger, Krankheit, Terror und Tod. Die umherwirbelnden Schwärme, die aus Tausenden von aggressiven, mörderischen Tigermücken bestehen, sind noch die kleinste Plage. In wenigen Stunden wird die Sonne die Bambushütten und die Arbeitsgruben wieder in Backöfen verwandeln. Eine schwere, schwüle Hitze senkt sich dann wie ein bleierner Vorhang über die Landschaft.
Das ganze Dorf ist von der Außenwelt wie hermetisch abgeriegelt. Es gibt keine Zeitung, kein Radio, keine Fernseher, nicht mal Kontakt zu den anderen Dörfern. Die einzigen Nachrichten werden von dem hier zuständigen Vorsteher verlesen. Dieser und seine patrouillierenden Helfer, die ebenso der Armee der Roten Khmer angehören, und so gut wie uneingeschränkte Macht besitzen – sie sind Polizisten, Richter und Henker zugleich – geben den zehn eingetroffenen Soldaten jetzt Anweisungen. In einem Arbeitslager von Ro Leap braucht es mehr Hilfskräfte auf den Reisfeldern. Also rekrutiert man hier über zwanzig Frauen und Männer. Es ist nicht das erste und auch nicht das letzte Mal, dass Menschen einfach spurlos verschwinden. Nach der Reisernte im November würden die Auserlesenen alle wieder zurück sein. So die offizielle Verlautbarung. Manchmal verschwinden ganze Familien. Und wenn nur der leiseste Verdacht besteht, dass bei irgendwelchen Leuten kritisch über Politik diskutiert wird oder ein Diebstahl von Nahrungsmittel stattgefunden hat – was hin und wieder vorkommt aufgrund der kärglichen Lebensmittelrationen – werden die Verdächtigen in ein Umerziehungslager gebracht. Auch sie kehren niemals mehr ins Dorflager zurück. Eine Flucht wäre jedoch zu riskant. Denn gerade mal zwei Tage zuvor sind drei Arbeiter erschossen worden. Diese sind gerade damit beschäftigt gewesen, auf einem etwas abgelegenen Feld einen Gemüsegarten anzulegen, als sie dort auf eine von den zahlreichen ausgelegten scharfen Minen traten. Sie verloren ihre Arme und Beine und unmittelbar danach ihr Leben durch die Gewehrkugeln der liquidierenden Soldaten. Ab und zu machen sich die Soldaten ein makabres Vergnügen daraus, ein Dutzend Männer über ein in der Nähe befindliches Minenfeld zu jagen. Vorher schließt man jeweils Wetten ab. Die Wetteinsätze: Spezielle Handfeuerwaffen, Zigaretten und billiger Fusel (Geld war im Demokratischen Kampuchea schon lange abgeschafft). Die totgeweihten Männer tragen dann gut erkennbare Nummern auf ihren Rücken. Es wird auf diejenigen gewettet, die es schaffen, mit ihrem Leben da-von¬zukommen oder auf die anderen, die es nicht schaffen sollen, wobei es jedes Mal drei bis fünf von ihnen erwischt. Dieses teuflische Spiel nennen manche Menschen hier: Roulette Khmer Rouge. Es ist das barbarische Roulette der Roten Khmer.

Vor mehreren mit Stroh bedeckten Bambushütten stehen einige Familien in Reih und Glied. Sie alle tragen die schwarzen Arbeitsanzüge an ihren vor Hunger ausgemergelten Körpern; ihre einzige Kleidung, die sie besitzen dürfen.
Jeder erdenkliche westliche Einfluss bedeutet während den langen, bitteren Tagen und Nächten des tyrannischen Steinzeitkommunismus Frevel und Verrat am kambodschanischen Volk, der weder persönlichen Besitz noch technischen Fortschritt erlaubt.
Der kleinwüchsige, ältere Vorsteher mit dem feisten, vernarbten Gesicht blickt mit ausdruckslosen Augen auf die jetzt ausgewählten Männer und Frauen. Sein leerer Blick verrät, dass er nicht das geringste Mitleid verspürt, genauso wenig wie seine Schergen und die Soldaten. Was zählt, ist allein das gnadenlose Gesetz des Angkar, der Organisation. Eine Organisation; übermächtig und bedrohlich schwebend wie eine gigantische Medusa, deren tödlicher Blick das ganze Land immer mehr zu Schutt und Asche verwandelt.
Nun geht es sehr rasch und erbarmungslos, ähnlich dem Verladen bei einem Viehtransport: Die Aktion der Soldaten dauert keine fünf Minuten, dann sind die von ihnen ausgewählten vierzehn Männer und acht Frauen im Lastwagen verfrachtet.
Der Fahrer startet bereits den Motor. Dann fängt es plötzlich wieder an zu regnen.

Unter den mehreren Hundert Bewohnern gibt es nur sehr wenige Babys. Die meisten sterben bereits ein paar Tage nach ihrer Geburt. Es ist kein Wunder, denn der Großteil der Mütter ist überarbeitet und unterernährt. Nur außergewöhnlich zähe Naturen können in dieser kambodschanischen Vorhölle gedeihen (die eigentliche Hölle ist das abscheuliche Reich der zahlreichen Arbeitslager, in denen jeweils Männer und Frauen getrennt untergebracht werden). Daher leben hier auch sehr wenige Kleinkinder. Eines davon ist die zweieinhalbjährige Shanra, das jüngste von drei Kindern einer der Familien. Das kleine Mädchen mit der niedlichen Stupsnase, den auffallend großen, traurigen Augen und den zerzausten, verfilzten Haaren ist soeben aufgewacht. Es hat noch nicht mitbekommen, was an diesem Morgen hier im Dorf vorgegangen ist.

Mit verschlafener Miene erhebt Shanra sich etwas unbeholfen von der Reisstrohmatratze im Inneren der spartanisch eingerichteten Bambushütte. Das abgemagerte Mädchen erinnert an ein nur aus Haut und Knochen bestehendes Püppchen. Jetzt vernimmt die kleine Shanra das verzweifelte Schluchzen ihrer Tante und die wimmernden Stimmen ihrer beiden Geschwister von draußen. Als Shanra mit müden Gliedern zum Ausgang der Hütte schlurft, erblickt sie mit großem Schrecken die vor Angst und Panik verzerrten Gesichter ihres fünfjährigen Bruders Sarun und ihrer siebenjährigen Schwester Rhot. Dann hört sie das immer leiser werdende Brummen eines wegfahrenden Lastwagens und gleichzeitig Rhot mit resigniertem Ton in ihrer erschütterten Stimme: „Die Soldaten haben unsere Mama und unseren Papa mitgenommen!“
Shanra hat noch nicht realisiert, dass sich ihre Eltern nun in dem wegfahrenden Laster befinden, wie zusammengepferchtes Schlachtvieh, mit den Soldaten und den anderen zwanzig Männern und Frauen. Das Brummen des Lasters ist jetzt nur noch weit entfernt zu vernehmen. Schließlich verstummt es. Außer dem Plätschern des Monsunregens auf den Hüttendächern und schlammigen Wegen ist minutenlang nichts zu hören.

„Macht euch keine allzu großen Sorgen: In ein paar Monaten, nach der Reisernte sind Mama und Papa wieder zurück“, versucht Onkel They die restlichen Familienmitglieder zu beruhigen. Doch sein wissender, qualvoller Blick spricht eine andere Sprache ... Tante Eang und die beiden Geschwister haben es verstanden. Nur die kleine Shanra weiß es noch nicht: Sie alle würden die Eltern nie mehr wiedersehen …

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Über den Autor:

Carl Isangard wurde als Sohn einer deutschen Profitänzerin 1957 in Luzern geboren. Er erlernte den Beruf des Kellners, absolvierte in Zürich eine klassische Gesangsausbildung, war jahrelang Fabrikarbeiter und später in einem Großkonzern als Portier angestellt, wo er intensiv mit dem Schreiben begann. Eines Tages wanderte er nach Thailand aus und versuchte dort zusammen mit seiner damaligen, einheimischen Frau eine Existenz zu gründen. Nach Anbruch der Asienkrise kehrte er allein und völlig abgebrannt wieder in die Schweiz zurück. Seit 1998 ist er vorwiegend als Consulter tätig.
Längere Aufenthalte in den USA (er trat in Las Vegas in einem Casino gelegentlich als Sänger auf), Brasilien, Thailand, Hongkong, Kambodscha und Vietnam dienten dem Autor als Inspiration für seine Short Storys, Satiren, Novellen und Romane.
Ende der 1980er Jahre wurde seine erste Satire in einer Provinzzeitung veröffentlicht. Später folgten diverse Artikel in verschiedenen Regionalzeitungen sowie zwei Beiträge für die Horror Story der Woche in der John Sinclair Serie, dann Prosatexte in satirischer Form. Ende der 1990er Jahre mehrere Tatsachenberichte in der Gazette „Gasseziitig Lozärn“.
2013 der Erzählband „Brauerei Bizarro – Storys und Satiren über Freaks & Furien“ und 2017 der Abenteuerroman „Private Stripper – Die bizarre Story eines Dirty Dancers der 1980er und 1990er Jahre“; beide bei edition winterwork.
Vom Januar 2016 bis Mai 2018 alle vierzehn Tage Publikationen der Fortsetzung seines Tatsachenromans „Ausgewandert und abgebrannt – Rückkehr in die helvetische Kälte“ im deutsch-thailändischen Presseorgan wochenblitz.com unter dem Pseudonym Carl Gemser.

 

Über den Verlag:

indayi edition ist ein aufstrebender, kleiner, bunter, außergewöhnlicher Start-up-Verlag in Darmstadt, der erste deutschsprachige Verlag, der von einem afrikanischen Migranten in Deutschland gegründet wurde. Hier wird alles veröffentlicht, was Menschen betrifft, berührt und bewegt, unabhängig von kulturellem Hintergrund und Herkunft. Indayi edition veröffentlicht Bücher über Werte und über Themen, die die Gesellschaft nicht gerne anspricht und am liebsten unter den Teppich kehrt, unter denen aber Millionen von Menschen leiden. Bücher, die bei indayi erscheinen, haben das Ziel, etwas zu erklären, zu verändern und zu verbessern – seien es Ratgeber, Sachbücher, Romane oder Kinderbücher. Das Angebot ist vielfältig: von Liebesromanen, Ratgebern zu den Themen Erotik, Liebe, Erziehung, Gesundheit, Krebs und Ernährung, spannenden Thrillern und Krimis, psychologischen Selbsthilfebüchern, Büchern über Politik, Kultur, Gesellschaft und Geschichte, Kochbüchern bis hin zu Kinder- und Jugendbüchern.

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